Die Schule der Köche

Ihre Aufmerksamkeit wurde durch die sich erneut öffnende Tür abgelenkt. Und beide stöhnten auf.

„Ralf Reinberg!“

 

Der massige Mann blieb einen Moment im Eingang stehen und überflog die Anwesenden. Ein Lächeln zuckte um seinen breiten Mund, dann ging er zu dem Tisch an der Stirnseite des Raumes und stellte seine Tasche darauf. Er rieb seine gepflegten Hände, fuhr sich durch die exakt liegenden blonden Haare und sagte dann: „Willkommen zu unserem Seminar ‚Wie beim Deutschen‘. Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind.“

Keine Ironie klang aus seinen Worten, obwohl er natürlich wusste, dass jeder der Anwesenden nur gekommen war, weil er ansonsten seine Konzession verloren hätte.

Reinberg schaltete den Beamer an.

„Schauen wir uns mal kurz die Themen im Überblick an. Los geht es mit ‚Eiche und Geweih – die Kernpunkte deutscher Gemütlichkeit.‘ Hier beschäftigen wir uns zu-nächst mit dem äußeren Erscheinungsbild Ihres Restaurants.“

Im Raum entstand Unruhe, als die Teilnehmer aufgeregt miteinander zu flüstern begannen. Reinberg klopfte unwillig mit seinem Stift auf den Tisch.

„Meine Herrschaften! Ich muss doch um Ruhe bitten!“

Gianni hatte keine Lust, die Verärgerung aus seiner Stimme zu halten, als er fragte: „Was haben denn unsere Räume mit dem Essen zu tun? Das neue Gaststättengesetz betrifft doch nur die Speisekarte?“

Reinberg starrte ihn einen Moment an, als frage er sich, was Gianni in seinem Seminar verloren hätte.

„Herr Nobele“, sagte er dann, „ich greife zugegebener Maßen etwas vor, aber es gibt einen Gesetzentwurf der Bundesregierung, der die Einrichtung eines ‚Kulturraumes‘ in jedem Restaurant ab einer bestimmten Größe vorsieht. Damit soll Ihren Gästen ermöglich werden, unser gutes deutsches Essen eben auch in der entsprechenden Atmosphäre zu genießen.“

 

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© Zwerg Nazi - Tina Ewald