Der Streber

Am Mittagstisch erzählte er die große Neuigkeit von seiner Verlobung und alle Kollegen gratulierten ihm. Sie hatten seine Braut bei verschiedenen Firmenfeiern kennen gelernt und fanden, dass sie hervorragend zusammenpassten.

Auch Sebastians Eltern reagierten hocherfreut, als sie am darauf folgenden Wochenende von den Plänen des Paares erfuhren. Bei dieser Gelegenheit bat Sebastian seine Mutter, die Hüterin der Familiendokumente, auch um seine Geburtsurkunde, die sie für das Standesamt benötigten. Als sie kurz danach mit dem Papier zurückkam, griff Rebecca neugierig nach der Urkunde und studierte sie. Schließlich schaute sie verwirrt auf.

„Du bist in Serbien geboren?“

Sebastian verstand sie falsch und lachte.

„Nein, die Kollegen ziehen mich nur damit auf wegen meiner Vorliebe für Cevapcici.“

Seine Freundin fiel nicht in das Lachen ein und Sebastian wurde bewusst, dass sie nicht gesagt hatte: „Du bist NICHT in Serbien geboren?“ sondern „Du bist in Serbien geboren?“

Er nahm ihr die Urkunde aus der Hand.

„Was redest Du denn da?“

„Aber hier steht es doch: Geburtsort Kragujevac, Sozialistische Republik Serbien.“

Sebastian hatte seine Geburtsurkunde tatsächlich noch nie in der Hand gehabt, er hatte sie ja nicht benötigt. Er sah seine Eltern an, die blass geworden waren.

„Das habt Ihr mir ja nie erzählt. Hattet Ihr da Urlaub gemacht?“ fragte er verblüfft, das Wahrscheinlichste annehmend.

Er war in der ehemaligen DDR aufgewachsen und davon ausgegangen, in Dresden geboren zu sein, wo sie bis zu ihrer Ausreise 1990 seines Wissens nach schon immer gelebt hatten. Seine Eltern hatten dem auch nie widersprochen.

Die beiden sahen sich an.

„Willst Du die Geschichte erzählen, Michael?“ fragte seine Mutter ihren Mann.

Der räusperte sich und strich sich verlegen durch die Haare.

„Nun, Sebastian, ich weiß das klingt seltsam, aber irgendwie war nie der richtige Zeitpunkt, Dir das zu erzählen.“

Seinem Sohn lag auf der Zunge, bissig zu sagen: „Ja, das klingt in der Tat etwas seltsam – nach 33 Jahren!“ Aber er merkte, wie schwer seinem Vater die Erklärung fiel und beschloss, ihn nicht zu unterbrechen.

„Ich bin dort aufgewachsen und habe da 1977 auch Deine Mutter kennen gelernt.“

Jetzt unterbrach ihn Sebastian doch mit einem verblüfften Ausruf.

„Wir sind 1979, ein halbes Jahr nach deiner Geburt, dann in die DDR geflüchtet.“

Sebastian versuchte, das Gehörte zu verarbeiten.

„Geflüchtet? Wovor geflüchtet?“

Er hatte keine Ahnung von den Verhältnissen im ehemaligen Jugoslawien zum Zeitpunkt seiner Geburt, wusste nur, dass es ein sozialistisches Land war.

Sein Vater schwieg einen Moment und Sebastian sah, dass er schwer schluckte. Ermutigend drückte seine Mutter ihrem Mann die Hand.

„Muslime waren dort nicht gerne gesehen.“

Er blickte unsicher zu seinem Sohn, suchte nach der Wirkung seiner Worte in dessen Gesicht. Der war aufgesprungen und sah seinen Vater entgeistert an.

„Willst Du mir sagen, dass Du ein Muslim warst – bist?“

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© Zwerg Nazi - Tina Ewald